LAKTOSE UND SENIORENStand: September 2026

Versteckte Laktose in Medikamenten

Laktose und Senioren
Ein Senior sitzt entspannt am Holztisch mit seiner Tagesmedikation und blickt durch das Fenster auf friedlich weidende Kühe.

Das Wichtigste in Kürze

  • Laktose dient in über 60 Prozent aller Tabletten als bewährter Träger- und Füllstoff für eine exakte Dosierung und Stabilität empfindlicher Wirkstoffe.
  • Selbst bei gleichzeitiger Einnahme von sechs bis neun Tabletten liegt die tägliche Laktosemenge meist unter einem Gramm, was weniger als einem kleinen Schluck Milch entspricht.
  • Klinische Studien belegen, dass diese Mengen bei primärer Hypolaktasie biochemisch keine Durchfälle auslösen; der behördliche Warnhinweis im Beipackzettel schützt extrem seltene Stoffwechselerkrankungen.
  • Setzen Sie verordnete Herz-, Blutdruck- oder Schilddrüsenmedikamente niemals eigenmächtig ab, sondern nutzen Sie bei nachgewiesenen Unverträglichkeiten die pharmazeutische Beratung in Ihrer Apotheke.

Jeden Morgen wiederholt sich in Millionen Haushalten derselbe Handgriff: Die Kunststoffbox mit den sieben Tagesfächern wird geöffnet. Neben dem Frühstücksgedeck liegen die Tabletten: ein Blutdrucksenker, ein Statin, ein Schilddrüsenpräparat und mittags ein Schmerzmittel. Wer den Beipackzettel eines neuen Generikums auffaltet, stößt unter den sonstigen Bestandteilen fast unweigerlich auf den Satz: „Enthält Lactose. Bitte nehmen Sie dieses Arzneimittel erst nach Rücksprache mit Ihrem Arzt ein, wenn Ihnen bekannt ist, dass Sie unter einer Unverträglichkeit gegenüber bestimmten Zuckern leiden.“

Für viele Seniorinnen und Senioren, die mit empfindlicher Verdauung leben, wirkt dieser Satz wie ein Alarmsignal. Schnell entsteht der Verdacht: Sind die Tabletten schuld am rumorenden Bauch? Bringt die Summe der Pillen das Fass zum Überlaufen? Und muss man Herztabletten absetzen, um den Darm zu schonen?

Die klinische Realität ist weitaus beruhigender als die Warnhinweise vermuten lassen. Dieser Leitfaden beleuchtet pharmazeutische Hintergründe, Mengen bei Polypharmazie, physiologische Schwellenwerte und sichere Lösungswege für Praxis und Alltag.

Warum steckt Laktose in Tabletten? Die pharmazeutische Funktion

Um zu verstehen, warum Laktose in der industriellen Arzneimittelherstellung der mit Abstand am häufigsten genutzte Hilfsstoff ist, lohnt sich ein Blick in die Galenik. Mehr als sechzig bis siebzig Prozent aller festen Arzneiformen wie Tabletten, Filmtabletten und Hartkapseln enthalten Laktose-Monohydrat als Träger- und Füllmittel.

Dahinter steht kein billiges Streckmittel, sondern eine Reihe bewährter Materialeigenschaften:

  • Ideales Kompaktierungsverhalten (Sprödbruch): Unter dem hohen Stempeldruck industrieller Tablettenpressen bricht kristallines Laktose-Monohydrat spröde. Durch diesen mikroskopischen Sprödbruch entstehen saubere, ungeschmierte Bruchflächen, an denen starke zwischenmolekulare Kräfte wirken. Das ermöglicht die Direkttablettierung: Wirkstoffe können ohne feuchte Zwischenschritte mit hoher Festigkeit verpresst werden.
  • Chemische Stabilität und Feuchteschutz: Laktose-Monohydrat bindet in seinem Kristallgitter ein festes Wassermolekül und besitzt eine geringe Gleichgewichtsfeuchte. Dadurch schützt es empfindliche Arzneistoffe vor Umgebungsfeuchtigkeit und verhindert einen vorzeitigen chemischen Zerfall während der Lagerung.
  • Rasche Zerfallskinetik im Magen: Gelangt eine Tablette in den Magen, löst sich Laktose im sauren Magensaft zügig auf. Im Gegensatz zu manchen Quellstoffen bildet sie keine zähe Gelschicht um den Tablettenkern. Der Wirkstoff wird sofort freigesetzt und kann an den vorgesehenen Resorptionsorten im Magen-Darm-Trakt aufgenommen werden.
  • Höchste Reinheitsgrade nach Arzneibuch: Pharmazeutische Laktose wird aus Kuhmilchmolke gewonnen, durchläuft jedoch hochkomplexe mehrstufige Reinigungs-, Filtrations- und Kristallisationsprozesse. Das Europäische Arzneibuch verlangt mindestens 98 Prozent Reinheit. Mögliche Reste von Milcheiweiß sinken in den Nanogrammbereich. Für Personen mit Milcheiweißallergie besteht bei Tabletten praktisch kein allergenes Risiko.

Die Dosisfrage bei Polypharmazie: Wieviel Laktose schluckt man täglich?

Eine häufige Sorge betrifft die Dosisakkumulation: Was geschieht, wenn man im Alter aufgrund mehrerer chronischer Erkrankungen sechs, acht oder zehn Tabletten täglich schluckt?

Die absolute Masse an Laktose pro Tablette verhält sich in der Praxis meist umgekehrt zur Wirkstoffdosis:

  • Hochdosierte Wirkstoffe: Bei einer großen Tablette wie Metformin (1000 mg) füllt der Wirkstoff fast das gesamte Volumen aus. Hier wird kaum Füllstoff benötigt.
  • Niedrig- und mikrodosierte Wirkstoffe: Bei Wirkstoffen, die im Mikrogramm- oder niedrigen Milligrammbereich dosiert sind - etwa Schilddrüsenhormone (25 bis 150 µg) oder Blutdrucksenker wie Candesartan (8 bis 32 mg) oder Amlodipin (5 mg) - würde der Wirkstoff allein kaum die Größe eines Stecknadelkopfes erreichen. Er wäre für menschliche Finger ungreifbar und maschinell nicht exakt dosierbar. Hier macht Laktose oft achtzig bis neunzig Prozent der Tablettenmasse aus.

Konkret enthalten handelsübliche Tabletten folgende typische Mengen:

  • Sehr kleine Filmtabletten: 20 bis 100 mg Laktose-Monohydrat
  • Standardtabletten mittlerer Größe: 100 bis 250 mg Laktose-Monohydrat
  • Große Kapseln oder Retardtabletten: bis zu 400 oder 500 mg Laktose-Monohydrat

Rechnen wir ein typisches geriatrisches Medikationsregime für einen multimorbiden Patienten zusammen:

  1. Morgens: L-Thyroxin 75 µg (ca. 65 mg Laktose), Candesartan 16 mg (ca. 81 mg Laktose), Torasemid 10 mg (ca. 90 mg Laktose), Pantoprazol 20 mg (laktosefrei) und Amlodipin 5 mg (ca. 60 mg Laktose).
  2. Mittags: Tilidin/Naloxon retard 50/4 mg (ca. 120 mg Laktose).
  3. Abends: Bisoprolol 5 mg (ca. 100 mg Laktose), Simvastatin 40 mg (ca. 280 mg Laktose) und Mirtazapin 15 mg (ca. 105 mg Laktose).

Dieses umfangreiche Medikationsregime mit neun täglichen Einzeldosen summiert sich über den gesamten Tag auf insgesamt etwa 900 Milligramm - also rund 0,9 Gramm Laktose.

Verteilt auf drei Einnahmezeiten fluten pro Gabe lediglich 250 bis 400 Milligramm Laktose im Verdauungstrakt an. Zum Vergleich: Ein einziges Glas herkömmliche Kuhmilch (200 Milliliter) liefert rund zehn bis zwölf Gramm Laktose. Ein einziger kleiner Esslöffel Milch enthält bereits mehr Milchzucker als der gesamte Morgencocktail an Herz- und Blutdrucktabletten.

Schwellenwerte und Physiologie: Warum 400 mg keine Diarrhö erzeugen

Um zu verstehen, warum die in Tabletten enthaltenen Milligrammmengen im Regelfall unbemerkt den Darm passieren, hilft die Betrachtung der intestinalen Pathophysiologie.

Bei einer genetisch bedingten, primären Laktoseintoleranz sinkt die Aktivität des Enzyms Laktase im Dünndarm nach dem Abstillen ab. Verbleibt ungespaltener Milchzucker im Dünndarmlumen, kann er zwei Reaktionen auslösen:

Erstens bindet Laktose osmotisch Wasser im Darmlumen. Biochemisch bindet ein Gramm Laktose etwa vierzig bis fünfzig Milliliter Wasser. Eine Tablettengabe mit 400 Milligramm Laktose vermag folglich rein rechnerisch lediglich fünfzehn bis zwanzig Milliliter Flüssigkeit zurückzuhalten. Angesichts eines physiologischen Flüssigkeitsumsatzes von sieben bis neun Litern Wasser pro Tag im Verdauungstrakt ist diese minimale Menge vollkommen unbedeutend. Sie reicht physikalisch nicht aus, um einen wässrigen Durchfall auszulösen.

Zweitens gelangt die ungespaltene Laktose in den Dickdarm, wo Darmbakterien das Disaccharid zu Gasen (Wasserstoff, Methan, Kohlendioxid) sowie kurzkettigen Fettsäuren vergären. Die europäischen Leitlinien der EFSA sowie Konsensuspapiere der DGVS halten dazu fest:

  • Mehr als 95 Prozent aller Personen mit diagnostizierter primärer Hypolaktasie vertragen Einzeldosen von bis zu 12 Gramm Laktose problemlos, insbesondere wenn die Einnahme zusammen mit einer Mahlzeit erfolgt.
  • Leichte Symptome und ein messbarer Wasserstoffanstieg im Atemtest treten bei empfindlichen Personen erst ab einer Schwellendosis von zwei bis sechs Gramm reiner Laktose auf nüchternen Magen auf.
  • Bei Substratmengen von unter 500 Milligramm Laktose ist schlichtweg nicht genügend vergärbare Masse vorhanden, um klinisch relevante Gasmengen im Dickdarm entstehen zu lassen.

Bestätigt wird dies durch die Doppelblindstudie von Montalto und Kollegen (2008). Die Forscher verabreichten 77 Patienten mit gesicherter Laktosemaldigestion streng verblindet entweder 400 Milligramm Laktose oder ein Placebo. Das Ergebnis: Weder bei den Wasserstoffwerten im Atemtest noch bei Bauchschmerzen oder Blähungen gab es signifikante Unterschiede zwischen Laktose und Placebo. Die Autoren schlussfolgerten, dass laktosehaltige Arzneistoffe im Niedrigdosisbereich unbedenklich sind.

Eine kleine Pastell-Illustration zur Vertiefung des Themas.

Vulnerable Subgruppen: Wann Senioren dennoch Beschwerden entwickeln

Warum berichten manche ältere Menschen dennoch über Beschwerden nach der Tabletteneinnahme? In der Geriatrie treffen häufig Faktoren zusammen, die die Reizschwelle des Magen-Darm-Trakts empfindlich absenken:

  1. Dünndarmfehlbesiedlung (SIBO): Im Alter nimmt die Magen-Darm-Motilität oft ab. Steigen Dickdarmbakterien in den Dünndarm auf, können bereits kleinste Zuckermengen zu vorzeitiger, schmerzhafter Gasbildung führen.
  2. Magensäuremangel durch PPI oder atrophische Gastritis: Dauerhafte Einnahme von Magenschutzmitteln wie Pantoprazol schwächt die Säurebarriere, sodass Keime überleben und der Speisebrei verzögert weitertransportiert wird.
  3. Beschleunigte Darmpassage: Bei diabetischer Neuropathie oder nach Gallenblasenoperationen kann der Transport so beschleunigt sein, dass selbst geringe Zuckermengen ungebremst ins Kolon gelangen.
  4. Sekundäre Schleimhautschäden: Durch Antibiotika, eine sekundäre Laktoseintoleranz, Zöliakie oder Entzündungen fallen die Laktaseenzyme an den Zottenspitzen vorübergehend aus.
  5. Viszerale Hypersensitivität: Bei einem Reizdarmsyndrom reagieren die Darmnerven überempfindlich auf normale Dehnungsreize. Zehn Milliliter Gas werden dann als krampfartiger Schmerz wahrgenommen.

Zudem verursachen viele Wirkstoffe selbst Magen-Darm-Beschwerden als Nebenwirkung - ganz unabhängig von Hilfsstoffen. Metformin oder Schmerzmittel greifen die Schleimhaut direkt an. Oft wird fälschlicherweise Laktose für eine Nebenwirkung verantwortlich gemacht, die vom Wirkstoff herrührt.

Der Nocebo-Effekt des Beipackzettels: Warum Behörden warnen

Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) schreibt für Laktose eine strikte Null-Schwelle für die Erwähnung in der Packungsbeilage vor: Ab dem ersten Milligramm muss der Standard-Warnhinweis abgedruckt werden.

Dieser Warnhinweis wurde historisch jedoch nicht für die adulte Laktoseintoleranz geschaffen, sondern für Neugeborene und Kleinkinder mit extrem seltenen Stoffwechseldefekten:

  • der Galaktosämie (Unfähigkeit, Galaktose abzubauen, mit toxischer Anreicherung in Organen),
  • dem angeborenen Lapp-Laktasemangel,
  • der Glukose-Galaktose-Malabsorption.

Für Erwachsene mit herkömmlicher Laktoseintoleranz ist der Hinweis keine Warnung vor Vergiftung. Dennoch löst er häufig einen Nocebo-Effekt aus. Wer liest, dass die Tablette einen unverträglichen Stoff enthält, erwartet unbewusst Beschwerden. Über die Darm-Hirn-Achse führt Erwartungsangst zu Stresshormonausschüttung und sinkender Schmerzschwelle. Die Beschwerden sind real, ihre Ursache liegt jedoch nicht in 50 mg Laktose, sondern in der verständlichen Sorge.

Großer Wirkstoff-Check: Kardiologie, Blutdruck, Cholesterin, Magen und Schmerz

Die Zusammensetzung variiert von Hersteller zu Hersteller: Während das Original Laktose enthalten kann, verzichten viele Generika darauf - und umgekehrt.

Hier ist die Übersicht über wichtige Wirkstoffklassen:

1. ACE-Hemmer (Blutdruck und Herzschwäche)

  • Typische Präparate: Bei Enalapril enthalten fast alle Tabletten Laktose (100 bis 180 mg).
  • Laktosefreie Alternativen: Das Original Delix® (Ramipril) ist laktosefrei; es basiert auf mikrokristalliner Cellulose, Stärke und Hypromellose. Auch am Generikamarkt gibt es laktosefreie Ramipril-Präparate.

2. Sartane / AT1-Antagonisten (Blutdruck)

  • Typische Präparate: Das Original Blopress® (Candesartan) enthält je nach Stärke 81 bis 162 mg Laktose-Monohydrat pro Tablette.
  • Laktosefreie Alternativen: Das Original Micardis® (Telmisartan) ist laktosefrei und nutzt Sorbitol und Meglumin. Zudem existieren laktosefreie Valsartan- und Losartan-Generika auf Calciumphosphat-Basis.

3. Beta-Blocker (Puls und Blutdruck)

  • Typische Präparate: Viele Bisoprolol- und Metoprololtartrat-Generika nutzen Laktose als Trägermasse.
  • Laktosefreie Alternativen: Das Bisoprolol-Original Concor® ist laktosefrei (mit Calciumhydrogenphosphat und Cellulose). Auch Beloc-ZOK® (Metoprololsuccinat) setzt auf ein laktosefreies Pellet-System.

4. Calciumkanalblocker (Blutdruck)

  • Typische Präparate: Einige Generika nutzen Laktose als Füllmittel.
  • Laktosefreie Alternativen: Das Original Norvasc® (Amlodipin) ist laktosefrei und verwendet mikrokristalline Cellulose und Dicalciumphosphat.

5. Diuretika (Entwässerung)

  • Typische Präparate: Tabletten mit Torasemid oder HCT enthalten häufig 60 bis 100 mg Laktose.
  • Laktosefreie Alternativen: Einzelne Hersteller bieten Torasemid auf Cellulosebasis an. Für Schluckstörungen gibt es mit Lasix® liquidum laktosefreie Tropfen.

6. Statine (Cholesterinsenker)

  • Typische Präparate: Zocor® (Simvastatin) enthält bis zu 280 mg Laktose bei der 40-mg-Dosis. Auch Sortis® (Atorvastatin) enthält Laktose.
  • Laktosefreie Alternativen: Atorvastatin Aristo® sowie ausgewählte Generika sind laktosefrei mit Calciumcarbonat und Mannitol formuliert.

7. Magenschutz / PPI

  • Entwarnung: Nahezu alle Pantoprazol-Präparate (Original Pantozol® und Generika) sind laktosefrei, da Laktose mit dem Wirkstoff reagieren würde. Bei Omeprazol-Kapseln bestehen die Pellets aus Saccharose und Maisstärke.

8. Schmerzmittel

  • Typische Präparate: Paracetamol 500 mg und Standard-Ibuprofen-Filmtabletten (z. B. Ibuprofen ratiopharm) sind praktisch immer laktosefrei, da der Wirkstoff den Raum einnimmt.
  • Opioidhaltige Schmerzmittel: Bei Retardtabletten (wie Tilidin/Naloxon) enthält die Matrix oft Laktose. Hier stehen als Alternativen Tropfen oder Schmerzpflaster (Fentanyl, Buprenorphin) zur Verfügung.

Einen schnellen Abgleich für Ihre Hausapotheke bietet unser interaktiver Medikamenten-Scanner.

Sonderfall Levothyroxin: Was gilt bei Schilddrüsentherapie?

Kein Medikament sorgt bei Laktoseintoleranz für so viele Verwirrungen wie Levothyroxin (L-Thyroxin). Schilddrüsenhormone besitzen eine enge therapeutische Breite: Schon kleinste Schwankungen in der Aufnahme von zehn bis fünfzehn Prozent können den TSH-Wert verschieben und zu Herzrasen oder Erschöpfung führen.

Historisch enthielt das Präparat Euthyrox® von Merck Laktose. Zur Verbesserung der Wirkstoffstabilität wurde das Präparat 2019 europaweit reformuliert: Laktose wurde komplett durch Mannitol und Citronensäure ersetzt.

Noch wichtiger: Das in Deutschland meistverordnete Präparat L-Thyroxin Henning® war und ist in seiner Rezeptur seit jeher vollkommen laktosefrei! Es basiert auf nativer Maisstärke, Cellulose und Natriumcarbonat.

Magen-Darm-Beschwerden unter L-Thyroxin rühren fast nie von Laktose her, sondern von einer unzureichenden Schilddrüseneinstellung oder Gastritis. Für Menschen mit Resorptionsstörungen gibt es mit Tirosint® eine Weichgelatinekapsel, bei der das Hormon gelöst in reinem Glycerol vorliegt - frei von Laktose, Gluten und Farbstoffen.

Dürfen Laktase-Kapseln zu Medikamenten genommen werden?

Wer auf ein ganz bestimmtes laktosehaltiges Medikament angewiesen ist, erwägt mitunter die gleichzeitige Einnahme eines Laktase-Präparats.

Pharmakologisch ist dieser Schritt unbedenklich:

  • Wirkung im Magen: Mikrobielle Laktase aus Aspergillus oryzae besitzt ihr Wirkoptimum im sauren Milieu (pH 4,0 bis 5,5) und spaltet Laktose bereits im Speisebrei des Magens.
  • Keine Pufferung der Magensäure: Laktase ist ein Enzymprotein in Milligramm-Mengen. Es verändert den Magensaft-pH nicht und greift magensaftresistente Überzüge von Tabletten nicht an.
  • Keine systemische Wechselwirkung: Das Enzym gelangt nicht ins Blut, sondern wird im Darm wie normales Nahrungseiweiß verdaut. Es interagiert nicht mit Leberenzymen (Cytochrom P450) und verändert den Abbau von Herz- oder Blutdruckmitteln nicht.

Praxishinweis: Wählen Sie reine Laktasepräparate ohne hochdosierte Zusätze von Kalzium oder Magnesium, da zweiwertige Mineralstoffe die Aufnahme mancher Wirkstoffe behindern können.

Der 4-Stufen-Plan für Patienten, Angehörige und die Apotheke

Wenn der Verdacht besteht, dass verordnete Medikamente Beschwerden verursachen, sollten Sie strukturiert vorgehen.

AchtungAchtung Setzen Sie Herz-, Blutdruck-, Schilddrüsen- oder Gerinnungsmedikamente niemals eigenmächtig ab! Das abrupte Absetzen von Beta-Blockern kann Herzrhythmusstörungen und Blutdruckkrisen auslösen; das Weglassen von Schilddrüsenhormonen führt zur Stoffwechselentgleisung.

Nutzen Sie stattdessen den folgenden 4-Stufen-Plan:

Stufe 1: Bestandsaufnahme und Mengenbilanz

Lassen Sie sich den aktuellen Bundesmedikationsplan (BMP) ausdrucken und gleichen Sie die Präparate mit unserem Medikamenten-Scanner ab. Rechnen Sie die Gesamtlaktosemenge zusammen. Liegt die Summe unter 500 Milligramm, nimmt diese Erkenntnis vielen Betroffenen bereits die Nocebo-Angst.

Stufe 2: Medizinische Differenzialdiagnostik

Bestehen Beschwerden trotz minimaler Laktosedosen fort, liegt die Ursache fast immer an anderer Stelle. Sprechen Sie mit Ihrer Hausärztin über eine Abklärung:

  • H2-Atemtest zum Ausschluss einer Dünndarmfehlbesiedlung (SIBO)
  • Bluttest auf Gewebs-Transglutaminase-IgA zum Ausschluss einer Zöliakie
  • Stuhltest auf Calprotectin zum Ausschluss entzündlicher Darmerkrankungen

Stufe 3: Pharmazeutischer Austausch in der Apotheke

Ist ein Wechsel gewünscht, besitzt die Apotheke in Deutschland über § 14 Rahmenvertrag das Recht, bei pharmazeutischen Bedenken von einem rabattierten, laktosehaltigen Generikum abzuweichen. Wenn Laktose die Therapietreue gefährdet, kann die Apothekerin ein laktosefreies Alternativpräparat abgeben und über die Sonder-PZN 02567024 abrechnen. Alternativ bitten Sie die Ärztin, das „Aut-idem-Kreuz“ bei einem laktosefreien Präparat zu setzen.

Stufe 4: Wechsel der Darreichungsform

Ist keine laktosefreie Tablette verfügbar, bieten sich Alternativen:

  • Tropfen oder orale Lösungen (systembedingt laktosefrei)
  • Weichgelatinekapseln mit flüssigem Wirkstoffkern
  • Transdermale Pflaster (z. B. bei Schmerzmitteln)

Mit diesem stufenweisen Vorgehen behalten Sie die Kontrolle über Ihre Gesundheit und schützen lebenswichtige Organfunktionen. Weitere Ernährungstipps für die reifere Lebensphase finden Sie in unserem Grundlagen-Ratgeber Laktose im Alter.

Häufige Fragen

Reicht die Laktose in einer Tablette aus, um einen Atemtest positiv zu machen?

Nein. Bei einem diagnostischen Atemtest erhalten Patienten üblicherweise 25 bis 50 Gramm Laktose - das entspricht der Menge aus bis zu einem Liter Milch. Die in Tabletten enthaltenen 50 bis 200 Milligramm erzeugen keinen messbaren Ausschlag.

Gibt es laktosefreie Schmerzmittel für Senioren?

Ja, herkömmliche Filmtabletten mit Paracetamol 500 mg oder Ibuprofen 400 mg sind praktisch immer laktosefrei, da der Wirkstoff den Raum einnimmt. Bei starken Retardpräparaten wie Tilidin stehen laktosefreie Tropfen oder Schmerzpflaster zur Verfügung.

Wie erkenne ich Laktose auf dem Beipackzettel?

Schauen Sie in der Packungsbeilage unter Abschnitt 6 („Inhalt der Packung und weitere Informationen“) unter den sonstigen Bestandteilen nach „Lactose-Monohydrat“, „Lactose“ oder „Milchzucker“.

Zahlt die Krankenkasse den Aufpreis für laktosefreie Medikamente?

Setzt der Arzt das Aut-idem-Kreuz auf ein laktosefreies Präparat oder macht die Apotheke pharmazeutische Bedenken geltend, übernimmt die gesetzliche Krankenkasse die Kosten im Rahmen der üblichen Zuzahlungsregeln.

Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Diagnose oder Beratung. Setzen Sie verordnete Medikamente niemals ohne vorherige ärztliche Rücksprache ab.

Quellenverzeichnis

  1. European Medicines Agency (EMA) - Lactose Scientific Guideline: Questions and answers on lactose used as an excipient in medicinal products for human use (EMA/CHMP/838127/2019).
  2. Montalto, M., et al. (2008): Low-dose lactose in drugs neither increases breath hydrogen excretion nor causes gastrointestinal symptoms. Alimentary Pharmacology & Therapeutics, 28(7): 895-900.
  3. Suarez, F. L., et al. (1995): A comparison of symptoms after the consumption of milk or lactose-hydrolyzed milk by people with self-reported severe lactose intolerance. New England Journal of Medicine, 333(1): 1-4.
  4. European Food Safety Authority (EFSA) Panel on Dietetic Products, Nutrition and Allergies (2010): Scientific Opinion on lactose thresholds in lactose intolerance and galactosaemia. EFSA Journal, 8(9): 1777.
  5. Di Stefano, M., et al. (2002): Lactose malabsorption and intolerance in the elderly: role of small intestinal bacterial overgrowth. Digestive Diseases and Sciences, 47(10): 2167-2173.
  6. Europäisches Arzneibuch (Ph. Eur. 11. Ausgabe): Monografie Lactose-Monohydrat (Lactosum monohydricum).
  7. Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS): S2k-Leitlinie Chronische Obstipation und funktionelle Magen-Darm-Störungen.

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